Architektur Studio Roth

Alters- und Pflegeheim Hünibach BE

×Info

KONTEXT UND ARCHITEKTONISCHER AUSDRUCK

Das bestehende Alterswohnheim aus den 80er Jahren steht umgeben von locker bebauten Wohnquartieren im Einzugsgebiet der Kleinstadt Thun am südlichen Seeufer des Thunersees. Die ländliche Atmosphäre mit der Nähe zum See und den Blick auf die schneebedeckten Berge der Berner Voralpen verleihen der Anlage ihre besondere Affinität, in die sich das vorgeschlagene Projekt kontextuell verankert. Es sucht volumetrisch die Nähe zu den markanten Baumreihen entlang der Staatsstrasse und nimmt an der Ostseite formal Bezug auf den Verlauf des angrenzenden Hünibachs, der der Gemeinde ihren Namen gibt. 

Der sich nordwestlich um den Bestand herumwindende Erweiterungsbau setzt sich im Südosten als Flügelbau fort und  definiert zusammen mit dem Bestand den bestehenden Gartenhof. Er behauptet sich im architektonischen Ausdruck gegenüber der bestehenden Fassade mit einer eigenständigen Sprache, ohne aber auf eine beissende Kontrastwirkung zu setzen. Vielmehr wird der Bestand - wo für ein stimmiges Ensemble erforderlich, beispielsweise bei den Balkonbrüstungen und bei der Dachlinienführung - leicht modifiziert und in die Gesamtwirkung eingebunden.

Mit der vorhandenen Parzellenfläche wurde bewusst sparsam umgegangen, um vorausschauend auch in Zukunft eine dem Gelände angemessene Erweiterung zuzulassen.

Die volumetrische Kompaktheit der Anlage kommt auch den bestehenden Aussenräumen zugute. So gewinnt zum Beispiel der Gartenhof durch das Zurückversetzen des Neubauflügels an Tiefe und Aufenthaltsqualität. Der Entscheid über Umnutzung oder Abriss des Chalets drängt sich bei dieser städtebaulichen Formation nicht zwingend auf. Es bleibt bis auf weiteres auf eine selbstverständliche Art der Gartenanlage eingeschrieben.

Innenräumlich setzt das vorgeschlagene Projekt auf die spannungsvolle atmosphärische Mischung zwischen vertrauter Wohnlichkeit und eleganter Repräsentation. So hat die Eingangshalle den Charakter einer mondänen Hotellobby und knüpft mit der unmittelbar angrenzenden Pergola gleichzeitig an ein lieblich-pittoreskes Motiv der Freiraumgestaltung.

 

RAUMORGANISATION UND BETRIEBSKONZEPT

Die Raumorganisation folgt dem ökonomischen Grundsatz, künftige Betriebs- und Unterhaltskosten möglichst tief zu halten. So wurden zum Beispiel die Räume für das Empfangsbüro und das Office für die Cafeteria räumlich hintereinander- geschaltet, so dass sie von einer Person gleichzeitig bedient werden können. Die Positionierung der beiden neuen grosszügigen Treppenkerne jeweils in den Eckpunkten der dreiflügligen Anlage sorgen nicht nur räumlich betrachtet für eine gute Gesamtorientierung innerhalb des Gebäudes, sondern auch für eine optimierte Fluchtwegsituation in den Geschossen, sowie auch ein wirtschaftliches Erschliessungsprinzip.

Das Erdgeschoss bleibt neben der Empfangshalle, den Speise- und den Mehrzweckräumen weiterhin schwergewichtig den Nutzungen für Hauswirtschaft, Verwaltung und Pflegepersonal vorbehalten, die teilweise im Bestand umorganisiert werden. Über einen Vorraum nordwestseitig  im Anschluss an die Parkplätze gelangt man zur neu gestalteten Empfangshalle mit Receptionthresen und Cafeteria. Von hier aus führt eine einladende, repräsentative  Treppe zu den erweiterten Pflegestationen im ersten und zweiten Obergeschoss.

Die Pflegestationen formieren sich in einem erweiterten Nordwest- und einem neuen Südostflügel zu zwei Wohngruppeneinheiten mit je einem eigenen Lift und eigenen Nebenräumen. Die fliessende, hotelähnliche Grundrissfigur der Erschliessungsflächen im Bestand wird im Neubauteil weitergeführt. Die Gemeinschaftsräume sind als offene Raumfiguren izwischen den individuellen Zimmerreihen angeordnet und lösen gewissermassen die zellenartigen Kammern an zentraler Lage auf. Ein separater Mehrzweckraum angrenzend an den südlichen Treppenhauskern erlaubt den Bewohnern die gewünschte Rückzugsmöglichkeit innerhalb der Wohngruppe und verschafft gleichzeitig Ausblick in eine andere Himmelsrichtung, auf die Ankunftsseite des Alterszentrums. Ein Balkon und eine Loggia am Ende des Neubauflügels mit Blick auf die Bergen und den angrenzenden Hünibach versprechen eine hohe aussenräumliche Aufenthaltsqualität. 

Das dritte Obergeschoss enthält die Räume für die geschützte Wohngruppe, wobei die bestehende Bausubstanz weitgehend beibehalten wird.  Ein grosser Gemeinschaftsraum und ein weitläufiger Dachgarten mit entsprechender Wegführung und Sitzgelegenheiten für demente Bewohner tragen zur gesteigerten Wohnqualität dieser Altersabteilung bei.

Die 12 Alterswohnungen im erweiterten Südwestflügel erhalten einen separaten Eingang und sind geschossweise in je zwei 2- und zwei 1-Zimmerwohnungen aufgeteilt. Räume für Coiffeur, Fusspflege und die allgemeinen Mehrzweckräume können durch ihre unmittelbare Positionierung im Erdgeschoss problemlos mitgenutzt werden.

 

KONSTRUKTION UND MATERIALISIERUNG

Die neuen Flügelbauten als Erweiterung der bestehenden Anlage werden als Massivbauweise vorgeschlagen. Über dem bestehenden Untergeschoss werden im Erdgeschoss die neuen tragenden Wände in Backstein bzw. als Scheiben und Tragpilaster in Beton errichtet. Für die geringen Spannweiten eignen sich schlaff armierte, wirtschaftliche Flachdecken aus Ortbeton. 

Die Aussenmauern der Obergeschosse werden mit hochdämmenden, verputzten Einsteinmauerwerk erstellt. Grossformatige, über zwei Geschosse reichende Fenstereinfassungen als vorfabrizierte Zimmermannskonstruktionen rahmen die Fensteröffnungen. Eine Kaltdachkonstruktion mit einer Blecheindeckung umfasst den Demenzgarten über dem zweiten Obergeschoss. Die zwei neuen markanten Treppenhäuser bilden als stabilisierende Kerne das Rückgrat der Erdbebenertüchtigung des Alt- und Neubaus. Die Lasten und Kräfte werden über diese Kerne und ausgesuchte Wände aus Beton in die massive Decke der Zivilschutzanlage im Untergeschoss eingeleitet. 

 

UMGANG MIT STRASSENLÄRM UND NATURGEFAHREN

Sämtliche neuen Aufenthaltsräume für die Bewohner sind von der Staatsstrasse abgewandt, süd-orientiert bzw. westlich um 90° von dieser abgedreht. Mit diesen Massnahmen wird es möglich sein, die geforderten Emissionswerte einhalten zu können.

Der Gefahrenbereich auf der südöstlichen Seite des Grundstückes wird mit drei Massnahmen begegnet. Einerseits wird der Stichweg, welcher von der Erschliessungsstrasse entlang des Hünibaches zum Chalet führt, weiter seewärts verlegt. Dadurch kann mit einer leichten topographischen Anpassung eine kleine Wuhrsituation geschaffen werden, welche einem möglichen Schwallwasserlauf des Baches entgegenwirkt. Auf dieser „Zunge“ können als temporäre Massnahmen mittels eines Hochwasser-Sets (Abschrankungen als Leitsystem) zusätzliche Schutzmassnahmen bei erhöhter Gefahrenlage eingerichtet werden.

 

<>