Architektur Studio Roth

Alters- und Pflegeheim "Letz" Näfels GL

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KONTEXT  UND ORTSBILD

Die grosse Herausforderung bei der Erweiterung des bestehenden Alters- und Pflegeheims Letz besteht darin, den vorhandenen heterogenen Gebäudekomplex mit Bauten unterschiedlicher Entstehungszeiten zu einem neuen, selbstverständlichen Ganzen zusammenzufügen. Zudem soll sie adäquat auf die unterschiedliche Bebauungsstruktur des direkten Umfelds reagieren können, das einerseits geprägt ist durch die Kleinmassstäblichkeit von zwei- und dreigeschossigen Einfamilienhäusern im Westen und andererseits durch grossformatigere Wohnungsbauten im Norden und Osten. Ausserdem gilt es trotz umfangreichem Raumprogramm und entsprechend grossem Flächenbedarf, nicht in eine unangemessene volumetrische Grossform zu verfallen, sondern der typischen Körnung einer ländlichen Siedlungsstruktur Rechung zu tragen.

Das vorliegende Projekt  sucht die Strategie der Kontextualisierung. Die neue Anlage folgt der inneren Logik der gegebenen Raumorganisation und schliesst den Komplex auf der typologischen und betrieblichen Ebene zu einer schlüssigen Gesamtform.

 

BAUKÖRPER UND AUSSENRAUM

Beim vorliegenden Projekt ist die Erweiterung als einfache, winkelförmige Grundform angelegt, die an ihren Enden an die bestehenden Bauten anknüpft. Entsprechend dem Fügungsprinzip von Hans Leuzinger bei seinem Kunsthaus in Glarus gliedert sich der Komplex auch hier in einen flachen Verbindungstrakt, aus dem sich klar umrissene Baukörper – hier jeweils mit einem flachen Walmdach -  abzeichnen, die in ihrer Längenausdehnung durch die Bewohnerzimmer definiert sind. Das Interesse der Projektverfasser gilt dem „Weichzeichnen“ des für das Umfeld relativ grossen Gesamtvolumens. Durch die Höhenstaffelung der Baukörper sowie durch die leicht geknickte Fassade des Südtraktes werden die Volumen zusätzlich gebrochen und lehnen sich in ihren Abmessungen näher an die umliegenden Bauten an.

Bedingt durch das L-förmige Andocken der Erweiterungsneubauten an die bestehenden Baukörper und zugleich dem nutzerspezifischen Wunsch nach Geborgenheit verpflichtet, formiert sich die Anlage neu zu einem Hoftypus, dessen zentraler Garten nicht nur der Orientierung innerhalb des Gebäudekomplexes dient, sondern auch eine neue identitätsstiftende Mitte schafft, um die herum sich das gemeinschaftliche Leben des Alters- und Pflegeheims abspielt. Die Gartengestaltung orientiert sich sowohl am Bedürfnis der Demenzpatienten nach Sicherheit, Rundläufen und diversen Aufenthaltsnischen wie auch am programmatischen Potenzial eines Naturgartens im Sinne des Verwebens mit den angrenzenden Innenräumen.

Die weitläufige Rasenfläche des parkartigen Gartens auf der Südseite der Anlage wird in ihrer eigentümlichen Qualität grösstenteils belassen. Ein neuer Weg, geziert von locker gesetzten Laubbäumen und Sitzplätzen, verbindet den Neubauteil mit dem Wegnetz des bestehenden Demenzgartens. Der nach Süden orientierte Dachgarten im 1. OG ergänzt das Heim um einen dritten attraktiven Aussenraumtyp.

 

RAUMORGANISATION UND BETRIEB

Die Prämisse für die Raumorganisation des vorliegenden Projekts ist die optimale Anbindung der Neubauten an die bestehende Infrastruktur. Die diversen Gebäudetrakte sollen nahtlos ineinander übergehen, um so die Gesamtanlage als ein in sich geschlossenes, schwellenloses Betriebssystem begreifen zu können. Ausserdem gilt ein grosses Augenmerk der Adressbildung der neuen Anlage, die im Bestand mangelhaft und für die Besucher eher verwirrend ist. So erhält sie nordseitig, unmittelbar nach der Zufahrt über den Europaweg, einen neu gestalteten, übersichtlichen Hauptzugang. Die Küchenanlieferung wird in die Tiefgarage ins Untergeschoss verlegt, wo die Lagerräume bereits vorhanden sind. Vom Empfang aus gelangt man über ein grosszügiges Foyer in die geschützten Wohnbereiche im EG und 1. OG, sowie in die Pflegeabteilung im 2. OG. Ein nach Süden orientierter Wintergarten (Orangerie), die den Empfang mit der bestehenden Cafeteria verbindet, verleiht der Anlage, zusammen mit der vorgesetzten Pergola zum Hof, einen zusätzlichen exotischen Reiz, der zum Beispiel auch für externe Anlässe als attraktive Event- oder Begegnungshalle genutzt werden kann.

Die vorgeschlagene Grundrisstypologie der Wohnbereiche entwickelt sich aus der Absicht, dem repetitiven, monotonen Aneinanderreihen von Bewohnerzimmern eine maximal mögliche Privatheit zu verleihen, ohne die betrieblichen Funktionsabläufe zu beeinträchtigen. Sie ist die Antwort auf die Frage nach der richtigen Mischung von betrieblicher Rationalität und bewohnerspezifischer Individualität. Die Bewohnerzimmer werden jeweils über eine halbprivate, vestibülartige Vorzone erschlossen, die direkt an die kleinteiligen, „stüblihaften“ Aufenthaltsbereiche angrenzen. Die feinen Abstufungen von privaten Nutzungseinheiten, die sich unmerklich mit den rein funktionalen Flächen überlagern, generieren ein Gefühl von Geborgenheit und Intimität und schaffen dadurch ein hohes Mass an Wohnlichkeit, das keinen Spitalcharakter aufkommen lässt.

In warmen Jahreszeiten lassen sich die Schiebfenster zum Gartenhof grossflächig öffnen, um so die innenliegenden Aufenthaltsnischen zu Loggias mit direktem Zugang zum Aussenraum werden zu lassen.

Auf betrieblich bedingte Umnutzungen oder auf neue Wohn- und Betreuungsformen kann mit der gewählten Grundrissdisposition mit wenig baulichen Massnahmen flexibel reagiert werden. So können zum Beispiel zwei Bewohnerzimmer zu einer Alterswohnung mit privatem Vorraum zusammengefasst werden. Oder die geschlossenen funktionalen Raumkapseln können zum Hof hin geöffnet und z.B. als Büroraum umgenutzt werden.

 

ARCHITEKTONISCHER AUSDRUCK UND MATERIALISIERUNG

Die Wahl der Konstruktionsweise mit vorfabrizierten Holzelementen bestimmt massgebend den architektonischen Ausdruck der Fassaden. Die Hofansichten erhalten dadurch die charakteristische Leichtigkeit eines Holzbaus. Bei den Balkonen und Vordächern des Verbindungstraktes wird die Konstruktion offen gezeigt. Die Sparrenköpfe zeichnen sich somit als dekorative Elemente ab und schaffen den bekannten Bezug zu ländlich verorteten Referenzen, was den Bewohnern wiederum das Gefühl der Vertrautheit und Geborgenheit verleihen soll.

Dem pavillonartigen Ausdruck der Innenhoffassaden stehen die Fassaden der Baukörper zum Park gegenüber, die je vier Bewohnerzimmer in einem grossfeldrigen Rahmen zusammenfassen. Wird auf der Hofinnenseite die Horizontale betont, werden hier die Gebäudekörper vorwiegend durch eine sich der Bergwelt entgegenhaltende Vertikale gegliedert.

Die Materialien des Innenausbaus sind zweckmässig und robust. Bei der Konstruktion wurde auf eine weitgehende Systemtrennung geachtet, sodass Bauteile entsprechend ihrer Lebensdauer einfach ersetzt werden können (Trennung Fassade/Tragstruktur, durchgehende Haustechnik-Schächte)

 

REALISIERUNG UND ETAPPIERUNG

Die Bauphasen sind so konzipiert, dass das Bauvorhaben unter laufendem Betrieb und ohne Provisorien ausgeführt werden kann. Durch die Wahl der Holzbauweise ist mit geringen Lärmbelastungen während der ganzen Bauzeit zu rechnen. Die Vorfabrikation erlaubt zudem eine schnelle Erstellung des Rohbaus. Ein weiterer Vorteil der Leichtbauweise ist die mühelose Aufstockungsmöglichkeit im Falle einer späteren Erweiterung des Bereichs Altersheim und Spitex.

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